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Du musst glücklich werden"
Posy öffnet nur eines ihrer schönen, grünbraunen
Augen und streckt zur Begrüßung gelangweilt gähnend
die Zunge raus. Frei nach Robert Gernhardts Von Katzen lernen,
heißt liegen lernen" bleibt sie auf dem bequemsten
Sessel im Wohnzimmer liegen, und das erfüllt sowohl Tom Kneale
als auch seine Frau Judith Kerr mit offensichtlichem Stolz.
Die fünfzehnjährige Posy ist die letzte, die Mr. Kneale
und Mrs. Kerr von all ihren Katzen geblieben ist. Als sie noch
jung war, spielte sie oft nächtelang auf dem gegenüberliegenden
Feld mit ihren Geschwistern, später mit ihren Jungen und
mit ein paar der dort ansässigen Füchse. Heute spaziert
sie manchmal für ein Stündchen am Feldrand entlang,
aber nur, wenn ihr Tom oder Judith vorher in der Küche die
Katzenklappe aufgehalten haben.
Der Londoner Vorort Barnes, in dem Posy, Mr. Kneale und
Mrs. Kneale-Kerr wohnen, liegt mit der U-Bahn etwa 40 Minuten
vom Londoner Zentrum entfernt. Die Straßen mit den engen,
kleinen Häuschen ohne Gardinen vor den Fenstern sehen so
aus, als seien hier immer Ferien, als würde sich hier, zumindest
in den Wintermonaten, jeden Abend aufs Neue Santa Claus durch
den Kamin quetschen. Unglaublich friedlich. So friedlich, freundlich
und gleichzeitig angenehm distanziert wie die Atmosphäre,
die den Besucher im Wohnzimmer der Kneale-Kerrs empfängt.
Von Posy mittlerweile unter beiden halb geöffneten Lidern
hervor beobachtet, gruppiert man sich um den Couchtisch. Tom,
wie um nicht zu stören, etwas zurückgesetzt, schaut
offen aus großen, blauen Augen in die Runde, während
seine Frau das erste ihrer 200 geschriebenen und gemalten Bilderbücher
zeigt. Es erzählt von einem Tiger, der eines Tages bei einer
Familie zum Tee hereinschneit. Anfangs freuen sich alle über
den seltenen Besuch, aber als er dann den ganzen Kühlschrank
leerfrisst, freuen sie sich auch, dass er wieder geht.
Eine Geschichte, so unsentimental, liebenswürdig und komisch,
wie fast alle Bücher, die die Tochter des Berliner Theaterkritikers
Alfred Kerr bis heute jeden Tag bis zur Dämmerung malt und
schreibt. Eine Geschichte, so feinsinnig wie ihr Lächeln,
in dem kein Werben um Sympathie liegt, eher eine ironische Aufforderung
zum Dialog; eine unangreifbare Aura von natürlicher Eleganz
und Würde, und dazu ein verblüffender Spaß an
den Tücken der Realität. So viel in einem einzigen Lächeln.
Plötzlich scheint dieses Wohnzimmer eine ganz andere,
eine schon längst vergangene und doch noch immer flirrende,
literarische Welt zu sein. Da sind ein Deutschland, eine Kultur
und ein Mann gegenwärtig, die schon lange nicht mehr sind,
und da ist diese zierliche, elegante Dame mit der ordentlichen
Frisur, die man sich einerseits kaum ohne ihren Vater - oder ihren
Mann vorstellen kann, und die dennoch etwas unglaublich eigenständig
Klares und Bestimmendes verkörpert.
Judiths Vater wäre stolz auf sie, wenn er sie sehen könnte.
Für Töchter ist das sehr wichtig, auch wenn sie schon
76 Jahre alt sind und ihr Vater schon lange nicht mehr lebt. Anwesend
ist er ohnehin. Für Judith immer gewesen, für ihren
zwei Jahre älteren Mann Tom ebenfalls, schon über die
Hälfte seines Lebens, und für jeden Besucher aus Deutschland
sowieso.
Mein Vater glaubte immer, dass ich Talent habe. Insofern
wäre er gar nicht überrascht von meinem Erfolg . Meine
Mutter dagegen wäre sehr erstaunt, wenn sie mich heute sähe.
Sie war sich über meine Begabungen nie so sicher". Judith
Kerr sieht keine Spur traurig aus, wenn sie über die Skepsis
ihrer Mutter spricht. Überhaupt scheint sie eine Art lebender
Widerspruch zu allen Theorien der Familienpsychologie zu sein.
Angeblich ist es nämlich nicht so einfach, einen berühmten
Vater zu haben, der dazu noch dreißig Jahre älter als
die Mutter war. Als Judith zwei Jahre nach ihrem Bruder Michael
geboren wurde, war Kerr schon sechsundfünfzig Jahre alt.
Sicherlich hatte er ihr eine andere Kindheit gewünscht
als die, die Judith vier Jahrzehnte später in ihrem Buch
When Hitler Stole Pink Rabbit" beschrieb. 1973, zwei
Jahre nach der Veröffentlichung in England, wurde Als
Hitler das rosa Kaninchen stahl", der erste von drei Romanen
über die Emigration der Familie Kerr, in Deutschland auf
Anhieb ein Bestseller, dann ein Longseller. Seit nahezu dreißig
Jahren ist es für die meisten der acht- bis 13jährigen
deutschen Kinder einer der ersten literarischen Kontakte mit einer
Zeit, die nur noch ihre Großeltern miterlebt haben.
Judith Kerr selbst empfindet überhaupt nicht, dass sie eine
schwere Kindheit" gehabt habe - ganz im Gegenteil",
sagt sie und lacht so unternehmungslustig wie ein junges Mädchen,
in der Erinnerung an die aufregende und wunderbare Zeit in Paris,
wo sie als Neun- bis Elfjährige lebte, und wo sie sich bis
heute zuhause fühlt. Viel mehr als in Deutschland, aber natürlich
nicht so sehr wie in England. Zu Deutschland scheint sie wenig
Gefühl zu hegen. Zumindest kein leidenschaftliches. Der neue
Bundespräsident hatte ihr neulich gefallen. Johannes Rau
hatte zum Erscheinen des Jugendbuches Holocaust" von
Barbara Rogasky nicht nur die amerikanische Autorin und 200 Berliner
Schüler, sondern auch Judith Kerr zum Gespräch eingeladen.
Und die war ungemein beeindruckt, dass sich der deutsche Politiker
tatsächlich Zeit genommen und echtes Interesse an den Gesprächen
mit Erwachsenen und Jugendlichen bekundet hatte. Ich weiß
nicht, ob es das in England geben könnte", sagt sie
nachdenklich.
Mit Tony Blair sicherlich nicht".
Natürlich fühlt sie sich als Engländerin
und nicht als Deutsche. Die Engländer haben schließlich
mein Leben gerettet, das werde ich ihnen niemals vergessen. Ich
habe sie schrecklich gern. Schon allein, weil sie so unglaublich
tolerant sind, sagt Judith voller Emphase, wenn man
bedenkt, dass meine Eltern, die einen sehr starken, deutschen
Akzent hatten, mit ihnen in den Bombennächten zusammen in
London im Bunker saßen, dass nicht ein einziges Mal auch
nur irgendjemand ein böses Wort zu ihnen gesagt hat! Selbst
mein Vater, der eigentlich viel lieber in Frankreich als in England
gelebt hätte, weil ihm das Französische mehr lag, meinte
einmal nach dem Krieg auf die Frage, ob er denn nun England wieder
verlassen werde: Aber nur, wenn ich alle Engländer
mitnehmen könnte".
Kein Zweifel, Judith Kerr ist von ganzem, heißem
Herzen Britin, auch wenn ihr Deutsch nahezu akzentfrei ist. Ach
nein" winkt sie ab, ich habe ja den deutschen Sprachschatz
eines neunjährigen Kindes. Das habe ich dann als junge Erwachsene
im Gespräch mit meinem Vater gemerkt. Er verstand manchmal
ein englisches Wort nicht, dessen deutsche Bedeutung ich wiederum
nicht kannte. Dann mussten wir oft lange suchen, aber irgendwie
haben wir uns am Ende immer verstanden."
Tom wirft ein, manchmal sei Judith englischer als er selbst. Dass
allerdings ist vielleicht auch kein Wunder, denn Tom ist etwas
ganz Besonderes, kein Engländer und kein Ire, sondern ein
Manx", ein Bauernsohn von der Isle of Man, also ein
Nachkomme der Ureinwohner des United Kingdom, ein Kelte. Früher
waren die Manx" die wildesten und schlauesten Schmuggler
in der Irischen See, heute gehören sie zu den wohlhabendsten
Unabhängigen im Inselreich, weil sich viele Banken in dem
Steuerparadies mit eigenem Parlament niedergelassen haben. Außerdem
soll es dort Katzen ohne Schwänze geben.
Abgesehen davon, dass er ein Manx ist, ist Tom überhaupt
etwas Besonderes, aber das merkt man erst nach einer Weile, weil
er sich so unauffällig im Hintergrund hält. Mit seiner
Frau ist er immer im Kontakt, sogar, wenn sie sich nicht anschauen,
was aber selten der Fall ist. Ihm entgeht nichts von dem, was
Judith belustigt, erfreut oder irritiert, und umgekehrt. Es ist,
als erzählten sie sich ständig etwas, ob mit oder ohne
Worte, und meistens wirken sie wie zwei, die sich in einer Geheimsprache
über die Welt lustig machen. Dazu trägt sie immer dieses
leicht mokante Lächeln, während er ganz unschuldig dreinschaut.
Wir wissen etwas, was sonst keiner weiß. Dabei schließen
sie die Welt nicht aus, vielmehr wird sie mit freundlichem Lächeln
eingeladen und ebenso freundlich wieder verabschiedet.
Vor 48 Jahren hatten sich der Drehbuchautor und die damalige
Kunstdozentin in der Kantine der BBC-Studios kennengelernt. Ihr
erstes Rendezvous führte sie ins Theater. Natürlich.
Die Schauspieler waren unglaublich mies und das Stück
von abscheulich dick aufgetragenem Symbolismus", lächelt
Judith Kerr, wir haben uns als einzige gebogen vor Lachen
und damit begann unsere Liebe". Dieser Beginn einer erfolgreichen
Ehe entspricht durchaus der These des deutschen Paarspezialisten
Klaus Theweleit, wonach eine dauerhafte Verbindung zwischen Liebenden
nur dann funktioniert, wenn diese die gleiche Musik, Literatur
oder wenigstens die gleichen Filme mögen.
Judith und Tom gehen gerne und oft ins Kino. Ihre letzten Lieblingsfilme
waren David Lynchs The straight story" und The
sixth Sense", mit einem phantastischen Bruce Willis,
der ganz anders ist als sonst. Schon in Pulp Fiction"
war er besser, aber hier ist er jetzt richtig gut"! Wer würde
schon eine sechsundsiebzigjährige Dame und einen nahezu achtzigjährigen
Herrn in den Trashfilm von Tarrantino oder in die Geschichte eines
toten Psychotherapeuten, der nicht weiß, dass er tot ist,
schicken? Aber Tom hat ähnliche Ghoststories"
im eigenen Repertoire, sagt Judith. Im März wird ihm im Londoner
National Film Theatre eine Retrospektive gewidmet. Sie erzählt
es voller Stolz. Selbstverständlich sprechen sie über
alles miteinander, was sie produzieren; kritisieren und ermutigen
einander. Das Kaninchen wäre nie ohne Toms Drängen
entstanden".
Vor Tom hatte Judith auch einmal einen jungen Kommunisten
getroffen. Er nahm sie mit zu einer Versammlung. Dort rezensierte
ein Mann ein Buch. Was heißt, er rezensierte - er
verriss das Buch. Er verriss es, weil er ein Eisenbahnarbeiter
war und das Buch nicht von einem Eisenbahnarbeiter handelte oder
von dem, was einen Eisenbahnarbeiter interessiert". Judith
wurde übel und sie verließ den Raum. Sobald ich
draußen stand, ging es mir wieder besser und ich wusste,
dass ich keine Kommunistin werden wollte und dieses arme, geschmähte
Buch wahrscheinlich mögen würde.
Sowieso hatte ihr der Vater seinerzeit geraten, einen Iren zu
heiraten. Vielleicht, weil sie nicht so domestiziert wie die Engländer
sind und es jeder entschuldigt hätte, wenn der Schwiegervater
kein Irisch verstünde?
Wo immer wir sind, über was wir auch sprechen, Alfred
Kerr ist dabei. Für meinen Vater war es in England
leichter als für meine Mutter, weil er sein Leben schon sehr
befriedigend gelebt hatte, als wir emigrieren mussten. Sie dagegen
war gerade an dem Punkt, wo die Welt noch vor einem liegt. Sie
hatte so viele Talente, zum Beispiel schrieben meine Eltern Opern
zusammen - sie die Musik, er das Libretto." Eine Oper erzählt,
wie Einstein eine Zeitmaschine erfindet, auf Lord Byron trifft
und ihn mit in seine Zeit nimmt. Es ging natürlich
alles schief mit Byron in einer anderen Zeit, er konnte sich überhaupt
nicht an die veränderten, emanzipierten Frauen gewöhnen",
erinnert sich Judith, und meine Eltern hatten viel Spaß
beim Entwickeln der Geschichte". Judith holt das Foto einer
wunderschönen, jungen Frau von Anfang Zwanzig. Julia Weissmann,
verheiratete Kerr, steht in einem weißen Kleid mit schwingendem
Rock vor einem Palazzo in Venedig. Erwartungsvoll, verliebt und
sehr glücklich schaut sie in die Kamera. Es muss auf der
Italienreise aufgenommen worden sein, die sie 1920, im Jahr ihrer
Heirat, unternahmen. Viele Jahre später, sie war sechsundfünfzig,
so alt wie ihr Mann damals, als die kleine Judith geboren wurde,
sollte sie in Berlin einen Selbstmordversuch überleben. Nach
dem Tod Alfred Kerrs war sie dorthin zurückgekehrt und arbeitete
für die Amerikaner.
.
Über das komplizierte Verhältnis zu ihrer Mutter
erzählt Judith in ihrem dritten und bislang letzten Roman
Eine Art Familientreffen". Darin beschreibt Judith
sie als eine Frau, die immer kindlich geblieben ist. Sie
liebte es, Schüttelreime zu dichten, zum Beispiel: Dass
man den Abend schlecht verbringt, wenn man einen Brecht verschlingt".
Judith kann Brecht auch nicht leiden. Tom ebenfalls nicht. Sie
lachen wie unartige Kinder. Warum hat Judith Kerr nach drei Romanen
aufgehört, die Geschichte von Anna zu erzählen? Sie
habe sich noch einmal an einem Roman versucht, sagt sie, dabei
aber festgestellt, dass es nichts Drängendes zu sagen gab.
Und eigentlich, fügt sie nach einer Pause hinzu, seien es
Romane über Annas Eltern und nicht so sehr über Anna
gewesen.
Tom geht in die Küche, kocht Fisch für Posy und erzählt
der Katze dabei etwas. Posy bekommt jeden Tag etwas Frisches von
Tom gekocht.
Wie haben die beiden es geschafft, dass sie so verspielt
miteinander und so voller Achtung voreinander sind? Jetzt lächelt
Judith nicht mit diesem Hauch von Spott. Eine kleine Röte
huscht über ihr Gesicht. Ich weiß nicht",
sagt sie fast hilflos,
ich kenne Tom nun schon so lange, aber er überrascht
mich immer wieder". Du mich aber auch", ruft Tom
sofort aus der Küche.
Dann holt er im örtlichen Ristorante für alle Pizza
mit Spiegelei.
In seinem letzten Brief an Judith schrieb Alfred Kerr:
Du musst glücklich werden. Tu es." Judith war
ein braves Mädchen: sie wurde glücklich. Wahrscheinlich
war es nicht nur der väterliche Befehl, wahrscheinlich war
es die väterliche Natur. Es gibt wohl ein Gen für ein
Talent zur Freude. Freude am Leben, an sich selbst, an dem was
man tut, an denen, die man liebt.
Renée Zucker, Berliner Tagesspiegel, 11.02.2000
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