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Kerr, wie Kerr"
Ein Berliner, vor 125 Jahren in Breslau geboren
Alfred Kerr ist eine dauerhafte Legende. Nicht nur in Berlin,
wohin er, noch nicht zwanzig, aus Breslau auswanderte, in ein
Lebensabenteuer sondergleichen. Keiner, der je in Deutschland
Theaterkritiken schrieb, hat solche Wirkung gehabt wie er.
Er war der kleine, strenge Mann mit den hochgeschlossenen Krägen,
dem hohen, scharfen Gesicht, dem maliziösen Lächeln,
der virtuose Sprachbeherrscher, der lästernde Spaßmacher,
der schneidende Literatur-Richter, der Schauspielchirurg, der
abends im Theater seinen Parkettauftritt hatte und mittags danach
den zweiten als Rezensent, erst im "Tag, dann - von
1919 ab bis zum wahrlich letzten Tag der Weimarer Republik - im
"Berliner Tageblatt. Er war ein Kämpfer gegen
Verquollenes, Verlogenes, gegen Gefühlsschinderei und Kunststaffagen,
aber auch ein Entdecker und Förderer. Ein Lob von ihm zählte
nicht nur in Berlin.
Im Ganzen: er war ein unbürgerlicher Bürger, herkommend
aus den Büchern August Bebels und den sozialen Impulsen von
1890 führte er immer die Menschen- und Gesellschaftskunst
von Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann und das Theater von Brahms
als Maßstab mit sich. Er war kein Konservativer, sondern
ein Zeitgeist mit hohem Anspruch, als wäre er schon im Kaiserreich
für die Republik erfunden. Der Patriot von einst focht für
sie gegen alle ihre Verleumder. Das Freundschaftsbuch zum Gedenken
an Walter Rathenau ist nur ein, aber sehr bewegendes Zeugnis
Alfred Kerr kam nicht nur wegen seiner jüdischen Abkunft
1933 auf die erste Proskriptionsliste von Goebbels.
Er war einer der bestgehassten Intellektuellen aus der Weimarer
Republik. Er focht mit seiner scharfen Zunge und seinem Verse
ausschüttenden Dichterkopf gegen die kommende Diktatur des
Hausknechts mit gesprochenen und gedruckten Wort.
Deutschland verrottet und verroht
Die Luft von Giften schwül und schwer.
Das Blutrecht herrscht. Dem Erdball droht
Der dunklen Urzeit Wiederkehr:
Man schärft das Beil zum großen Streich
Im Dritten Troglodytenreich:
Schon stelzt vor ,Staffeln und ,Standarten
Der Mordbandit, der braune Wicht;
Die andern flüstern, wägen, warten,
Und rührn sich nicht.
Das mußte man wagen können. Als er Fünfzig
wurde, rühmte er in seinem Lebensrückblick die Berliner
Zeit: wohne...seit über zwanzig Jahren im Grunewald.
Ich habe genaue Tagebücher über die ersten fünf
Jahre Berlin geführt...Hauptmann, Brahm, die Sorma ... Dann
kam die Duse nach Berlin. Sie gab mir ein neues Gewissen. Universität
Berlin ... Ibsen; Freie Bühne; Kampf; Sinnlichkeiten; Entlarvung
bestochener Musikkritiker; Reisen ... zuletzt Besitzer des ,Pan.
Ein Leben voll von Erlebnis, trunken und süchtig nach den
Schönheiten der Welt, in die er immer wieder ausbrach. (Seine
Reisebücher zeugen davon).
Was gab er damals und bis zuletzt als sein Lebenswerk?
Ich glaube, daß die Sprache meine Sendung hienieden
war: zugunsten Deutschlands ... Ich habe den bloß auf lutherisch
kennengelernten Stil des Alten Testaments verpreußt.
Die Grammatik befreit. Die Kastelei gemordet. Die Limpidezza gehöht.
War bloß' Kritik mein Gebiet? Die Sprache war es. (Obschon
meine Kritik...Genug).Gegen das langsätzige Bildungsdeutsch
hat er zeitlebens gekämpft. 1927, zum Fünfzigsten notierte
er: Ich erfuhr nach dem fünfzigsten Jahr meine höchste
Glückszeit ... Man soll das Schicksal nicht necken; aber
ich habe mein Teil dahin.
Er sprach damals von Täuschungsglück und
behielt recht. Als er im Exil das Kapitel Die völkische
Verwesung schrieb, begann er, sich der Flucht aus Berlin
erinnernd: Hitler: das ist der Mob, der Nietzsche gelesen
hat ... Dies denkend lag ich im Grunewald mit Grippe zu Bett.
Ein Telefonruf teilte mit: der Pass wird mir entzogen. Trotz 39
Grad Fieber raus aus dem Bett, nur einen Rucksack über, mit
dem Allernötigsten. Nach dreieinhalb Stunden war ich in der
Tschechoslowakei. Ich empfand an diesem Abend das tiefe Glück,
jenseits der deutschen Grenze zu sein... Wie sich das liest,
war es so und auch nicht so. Gerettet, aber alles verloren, was
er sich geschaffen, womit und worin er gelebt hatte.
In den Jahren im Pariser und Londoner Exil, von wo er bis
in die Flugblätter für Deutschland hinein sich weiter
gegen Hitler rüstete, blieb immer die Frage: wie anders schreiben
als in der Sprache, die seine deutsche Sache war. Was ihm im Exil
blieb, kann man lesen in seinen Feuilletons Ich kam nach
England und in dem jetzt zum erstenmal gedruckten, nachgelassenen
Roman Der Dichter und die Meerschweinchen . Es ist
ein Dialog mit sich selbst, ein Stück aus der Einsamkeit
und Verlassenheit im Exil, lange misskannt und doch ein wichtiges
Buch aus der deutschen Literatur im Exil, weil es die geistige
Not des einst berühmten Mannes so anschaulich macht.. Den
siebzigsten verbrachte Alfred Kerr schon im Londoner Exil.
Ihm blieb eine Sehnsucht nach Berlin, in das er aus allen Reisen
in die Welt immer wieder zurückgekehrt war
.
Kerr war ein Zeitschnüffler, ein Schönheitsmensch,
ein Erlebnisträchtiger, ein ins Leben Verliebter. Aus seinen
Büchern kann man noch Leben lernen. Seine Lebensmelodie hieß
Es sei wie es wolle, es war doch so schön und
Mich wundert, daß ich so fröhlich bin.
Er starb in Hamburg, als er im Jahr 1947 nach Deutschland prüfend
zurückkam. Dort ist er begraben und sein Testament
eines Berliners ist unerfüllt.
Dann begrabt mich armen Pinsel,
Kleingestäubt in Uratome,
Unweit von der Pfaueninsel
Hart am holden Havelstrome.
Sonntags, wenn sich heiß umschlingen
Fritze, Kläre, Max, Adele,
Und die kleinen Mädchen singen,--
Freut sich meine arme Seele.
Kein Kritiker hat in den letzten hundert Jahren mehr erreicht
als er. Wer heute in seinen Büchern liest, erfährt
im Genuss seiner Sätze, wofür er immer, unterm Gelächter
der Unverständigen, focht: daß Kritik zur Kunst wird,
durch die Kraft der Sprache, der Unterscheidung, des Witzes und
der Phantasie. Er demonstrierte noch einmal eine hohe Spielart
der romantischen Poesie und kam zu einem bis heute nicht veralteten
Deutsch, knapp, lucide, treffend.
Die neue Sammlung seiner Schriften, die im S. Fischer Verlag
erscheint, herausgegeben von Günther Rühle und Hermann
Haarmann, aber auch die von Günther Rühle entdeckten
Briefe aus der Reichshauptstadt (Wo liegt Berlin?
und Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?)
geben noch immer das beste Zeugnis ab, was Alfred Kerr einmal
war: Ein forcierter kritischer Geist, dem die Freude, auf der
Welt zu sein, ihre Schönheiten zu entdecken, nicht die Lust
erdrückte, kritisch das Gute von Schlechten, die Wahrheit
von der Lüge, die Lebensförderer von den Lebens- und
Weltverhunzern zu trennen.
Günther Rühle
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