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Mit Ivan Nagel wurde im Jahr 2003 erstmals ein Juror für
den Alfred-Kerr-Darstellerpreis berufen, der die deutsche Theaterlandschaft
vor allem durch sein kritisches und kulturpolitisches Engagement
entscheidend geprägt hat. Am 28. Juni 1931 in Budapest geboren,
erlitt der Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten in seiner
Jugend das Schicksal doppelter Verfolgung:
Nachdem sich die Familie 1944 vor den Nationalsozialisten in Sicherheit
hatte bringen können, musste sie vier Jahre später vor
dem kommunistischen Regime in die Schweiz fliehen.
Ivan Nagel studierte nach seinem Abitur Germanistik und
Soziologie in Paris und Heidelberg, bis er 1955 zwei Jahre
nach seiner Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes,
der er als erster Staatenloser angehörte als unerwünschter
Asylant abgeschoben werden sollte. Eine Intervention seiner
Lehrer Carlo Schmid und Theodor W. Adorno verhinderte dieses Unrecht,
drei Jahre später nahm Nagel die deutsche Staatsbürgerschaft
an und begann als Theaterkritiker für die Deutsche
Zeitung zu arbeiten. 1962 holte ihn Hans Schweikart an die
Münchner Kammerspiele, wo der junge Chefdramaturg auch unter
dem folgenden Intendanten August Everding durch die Zusammenarbeit
mit Fritz Kortner und durch die Verpflichtung von Peter Stein
für Aufsehen sorgte. Nach einem zweijährigen Intermezzo
bei der Süddeutschen Zeitung übernahm Nagel
1972 selbst eine Bühne:
Für sieben Jahre wurde ihm mit dem Hamburger Schauspielhaus
das größte deutsche Sprechtheater anvertraut, das sich
zu diesem Zeitpunkt in einer tiefen Krise befand und in drei Jahren
sechs Intendanten verschlissen hatte.
Der neue Hausherr gab Ensemble und Spielplan deutliche
Konturen: Er verpflichtete Darsteller wie Barbara Sukowa, Hans
Michael Rehberg, Will Quadflieg und Ulrich Wildgruber und engagierte
Regisseure wie Luc Bondy, Rudolf Noelte, Claus Peymann, Jérôme
Savary und Giorgio Strehler. Mit diesen Protagonisten wurden Uraufführungen
von Autoren wie Franz Xaver Kroetz oder Botho Strauß in
Szene gesetzt, aber auch Aufsehen erregende Klassiker präsentiert
wobei sich ab 1975 vor allem Peter Zadek als dauerhafter
Partner etablierte. Dass Nagels Kurs immer wieder in das Kreuzfeuer
der Kritik geriet, weil er vielen konservativen Kreisen zu links
war, führte 1978 zu seiner Bitte um vorzeitige Vertragsauflösung.
Zum Abschied veranstaltete der Intendant in Hamburg ein Fest,
das Folgen haben sollte: Aus seinem Theater der Nationen
ging 1981 das Festival Theater der Welt hervor, dessen
Gründungs-Direktor Nagel wurde.
Nach einer erneuten Interims-Zeit als Kulturkorrespondent
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in New York und
einem Forschungsjahr im Berliner Wissenschaftskolleg, dem sich
das Buch Autonomie und Gnade. Über Mozarts Opern
verdankt, wurde der als Theoretiker wie Praktiker erfahrene Nagel
1985 zum Leiter des Württembergischen Staatsschauspiels Stuttgart
berufen und bewies mit der Verpflichtung der Schauspielerinnen
Anne Bennent, Ute Lemper und Susanne Lothar sowie der Regisseure
Niels-Peter Rudolph und Jossi Wieler erneut sein Gespür für
besondere Begabungen. Dass er sich nach drei Jahren dennoch entschied,
die neu geschaffene Professur für Ästhetik und Geschichte
der Darstellenden Künste an der Hochschule der Künste
in Berlin anzunehmen, war wohl auch dem damit verbundenen Forschungsauftrag
zur Französischen Revolution und der Bildenden Kunst geschuldet.
Nach der Wende bewährte sich Ivan Nagel in einer kulturpolitisch
heiklen Mission, als er vom Berliner Senat zum Theater-Gutachter
bestellt wurde und u. a. die Intendanzen von Frank Castorf in
der Volksbühne sowie von Heiner Müller und Peter Zadek
am Berliner Ensemble durchsetzte. Aus den dabei gesammelten Erfahrungen
resultierte auch die Gründung des Rates für die
Künste in Berlin, die Nagel 1994 initiierte. Vier Jahre
später übernahm er die Schauspiel-Direktion der Salzburger
Festspiele, die er aber nach nur einer Saison aus gesundheitlichen
Gründen aufgeben musste.
Ivan Nagel, dessen essayistische Interessen Literatur,
Theater und Musik gleichermaßen umfassen und der neben Texten
über prägende Regisseure des Welttheaters oder über
Goyas nackte und bekleidete Maya auch politische Streitschriften
publiziert hat, ist für seine Arbeiten vielfach geehrt worden.
Als er im Jahr 2003 als Juror gebeten war, den Alfred-Kerr-Darstellerpreis
zu vergeben, trafen sich sein Interesse an avancierten Regie-Handschriften
und unverwechselbarem Schauspieler-Charakter in einer Person:
Er zeichnete Fritzi Haberlandt für ihre Rollen in Arthur
Schnitzlers Liebelei (Regie: Michael Thalheimer) und
in Fritz Katers zeit zu lieben zeit zu sterben (Regie:
Armin Petras) am Thalia-Theater Hamburg aus.
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