| |
Mit Walter Schmidinger hielt am Beginn des neuen Jahrtausends
ein Novum in der Geschichte des Alfred-Kerr-Darstellerpreises
Einzug: Der Juror fand seinen Preisträger in einer Inszenierung
des Wiener Burgtheaters, in der er ursprünglich selbst mitwirken
sollte. Der Weg in dieses Ensemble der Olympier aber hatte den
gebürtigen Österreicher Schmidinger über Deutschland
geführt:
Am 28. April 1933 in der Donau-Stadt Linz geboren, begeisterte
sich der Junge früh für das Theater und musste
doch eine Lehre als Dekorateur und Verkäufer absolvieren,
ehe er sich am Max-Reinhardt-Institut in Wien zum Schauspieler
ausbilden lassen konnte. Nach seinem Debüt im Theater an
der Josefstadt kam er 1954 über Bonn nach Düsseldorf,
wo er für sechs Jahre eine erste künstlerische Heimat
fand.
In den Jahren 1960 bis 1969 gehörte er erneut zum
Bonner, danach für drei Jahre zum Münchner Kammerspiel-Ensemble
und wechselte dann für 13 Jahre an das Bayerische
Staatsschauspiel, wo er u. a. als Shylock in Shakespeares Kaufmann
von Venedig umjubelt wurde. Die Leidenschaft des Künstlers,
den ein Kritiker einmal als Mann des entschiedenen Einerseits-Andererseits
charakterisierte, galt jedoch komisch-weinerlichen und ironisch-gebrochenen
Charakteren. So sammelte er Erfolge als Petypon in Feydeaus Einen
Jux will er sich machen oder als Herr Lips in Nestroys Der
Zerrissene, aber auch als Malvolio in Shakespeares Was
ihr wollt oder als Salieri in Shaffers Amadeus.
Mitte der 80er Jahre folgte Walter Schmidinger einem Ruf
an das Berliner Schiller-Theater, wo er in den Titelrollen von
Lessings Nathan der Weise und Hofmannsthals Der
Unbestechliche ebenso triumphierte wie in den Shakespeare-Inszenierungen
König Lear und König Richard II.
und 1989 die Rolle des Richard in der Uraufführung
von Thomas Bernhards Elisabeth II. kreierte. Ehe er
mit dem gesamten Ensemble die Kündigung wegen der Schließung
des Schiller-Theaters erhielt, spielte er unter der Regie von
Alexander Lang noch den eingebildetsten Kranken aller Zeiten
und wechselte danach an das Deutsche Theater im Ost-Teil
der Stadt.
Seine späte Heimkehr an das Burgtheater feierte Walter
Schmidinger ein Jahr vor seiner Juroren-Tätigkeit für
den Alfred-Kerr-Darstellerpreis im Jahr 2000 mit einer Lesung
von Texten des Autors Thomas Bernhard, den sein misanthropischer
Charakter durchaus als Seelenverwandten des Schauspielers erscheinen
lässt. Dass der auch als Regisseur (u. a. Oscar Wildes Salome)
und Fernsehschauspieler erfolgreiche Künstler darüber
hinaus den Berliner Bühnen treu blieb, trug ihm 2003 noch
einmal eine Paraderolle ein: Mit Robert Wilson, der ihn bereits
1984 in Der Mond im Gras besetzt hatte, erarbeitete
er die Rolle des König Peter in der umjubelten Inszenierung
von Büchners Leonce und Lena am Berliner Ensemble.
Für den Alfred-Kerr-Darstellerpreis aber wählte
Walter Schmidinger den jungen Schauspieler August Diehl, der die
Rolle des Konstantin Gawrilowitsch Trepljow in Tschechows Die
Möwe am Burgtheater Wien verkörperte eine
Inszenierung von Luc Bondy, der zunächst auch Schmidinger
hatte besetzen wollen.
|
|