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Zehn Jahre nach der Wende konnte eine Jurorin für
den Alfred-Kerr-Darstellerpreis gewonnen werden, deren Biografie
die Zeitläufte in Ost- und West-Deutschland exemplarisch
spiegelt: Angelica Domröse, am 4. April 1941 in Berlin-Weißensee
geboren und zunächst als Stenotypistin ausgebildet, sammelte
erste professionelle Schauspiel-Erfahrungen bereits vor dem Studium.
Nachdem sie an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg abgelehnt
worden war, bewarb sie sich um eine Rolle in Slatan Dudows Verwirrung
der Gefühle. Der Erfolg unter 1 500 Kandidatinnen bescherte
ihr schließlich doch noch den ersehnten Studienplatz
und wenig später Parade-Rollen wie die Polly in der Dreigroschenoper
am Berliner Ensemble.
1966, parallel zu ihrer Wahl als Schauspielerin des
Jahres in der DDR, wechselte Angelica Domröse an die
Volksbühne, der sie bis 1979 die Treue hielt. Einem breiten
Publikum aber wurde sie vor allem durch ihre mehr als 50 Rollen
in Kino- und Fernsehfilmen bekannt, zu denen neben Julia
lebt, Chronik eines Mordes, Ein Lord am
Alexanderplatz und Krupp und Krause vor allem
ihre prägenden Arbeiten in den Defa-Klassikern Effi
Briest (1968/69), Die Legende von Paul und Paula
(1972) sowie Bis dass der Tod euch scheidet (1977/78)
zu zählen sind.
Obwohl ein ostdeutsches Kino ohne die ebenso zarte wie
kraftvoll-energische Künstlerin kaum vorstellbar schien,
wurde auch Angelica Domröse nach Unterzeichnung des Protestes
gegen Wolf Biermann ab 1976 gemaßregelt und versuchte
1980 ihr Glück jenseits der deutsch-deutschen Grenze. Nach
ihrem Gastspiel am Hamburger Schauspielhaus, wo sie als Helena
in Boy Goberts Abschiedsinszenierung Faust zu sehen
war, folgte sie diesem Regisseur gemeinsam mit ihrem Mann Hilmar
Thate an das Berliner Schiller-Theater und eroberte sich
in Peter Zadeks Fallada-Bearbeitung Jeder stirbt für
sich allein sowie in der Titelpartie von Wedekinds Lulu
quasi aus dem Stand ein neues Publikum. So zu freischaffender
Arbeit ermutigt, sah man Angelica Domröse in den 80er Jahren
u. a. in Jérôme Savarys Bye, bye Show-Biz
in Stuttgart und in Gaston Salvatores Stalin in Wien,
ehe sie zur Wende-Zeit an das Schiller-Theater zurückkehrte.
Seit dessen Schließung hat sie wieder verstärkt im
Fernsehen gearbeitet, u. a. in Horst Kummeths Hurenglück
und als Kommissarin im Polizeiruf 110. 1992 debütierte
Angelica Domröse mit Matthias Zschockes Brut
am Berliner bat-Theater zudem als Regisseurin, seither inszenierte
sie u. a. in Meiningen und beim Kurt-Weill-Fest Dessau.
Dass die Domröse als Jurorin des Alfred-Kerr-Preises
1999 eine junge, starke Frau auszeichnete, konnte kaum verwundern:
Sie wählte aus den Inszenierungen des Berliner Theatertreffens
Johanna Wokalek in der Titelrolle der Rose Bernd von
Gerhart Hauptmann am Schauspiel Bonn (Regie: Valentin Jeker).
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