| |
In Käthe Reichel fand die Alfred-Kerr-Stiftung 1994
nicht nur eine Jurorin, die durch ihre künstlerische Kraft
ein Vorbild für die junge Schauspieler-Generation darstellt
sondern auch jenen buchstäblichen guten Menschen,
den sie 1957 überaus erfolgreich verkörperte. 1926 in
Berlin geboren, erhielt Käthe Reichel ohne vorherige Ausbildung
erste Engagements in Greiz, Gotha und Rostock, ehe sie 1950 von
Bertolt Brecht an das Berliner Ensemble verpflichtet wurde. Hier
verkörperte sie in mehr als einem Jahrzehnt große Rollen
wie Gretchen (Goethe Urfaust), Jeanne dArc (Seghers,
Der Prozess der Jeanne dArc zu Rouen 1431) und
Natella Abaschwili (Brecht, Der kaukasische Kreidekreis).
In letztgenanntem Stück spielte sie gewissermaßen
als Brecht-Botschafterin für Westdeutschland wenig
später in Frankfurt am Main auch die Grusche. Dorthin war
sie von Benno Besson verpflichtet worden, der sie auch als Shen
Te / Shui Ta in Der gute Mensch von Sezuan und als
Titelheldin in Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe
besetzte. Dass Käthe Reichel damit ihre erklärte Lieblingspartie
gefunden hatte, zeigte sich auch in ihrer Konfrontation mit dem
klassischen Repertoire: So entdeckte sie 1960 in Lessings Minna
von Barnhelm als Ensemble-Mitglied des Deutschen Theater
und unter der Regie von Wolfgang Langhoff ein neuartiges, emanzipiertes
Frauen-Bild.
Anderthalb Jahrzehnte später spielte sie in Sarah
Kirschs Text-Collage Lebensläufe erneut eine
Proletarierin, die laut zeitgenössischer Kritiker-Meinung
nirgends auf der Butterseite des Staates zu liegen kam.
Mit diesem Zitat kann man Käthe Reichels Spiel generell beschreiben:
Ihre kräftige, sinnliche Auffassung des Berufes, den sie
seit Jahrzehnten freischaffend ausübt, ist immer mit politischem
und sozialem Engagement im Geiste ihres Lehrmeisters Brecht verknüpft.
Das zeigte sich nicht nur in ihrer Rede zur legendären Demonstration
1989 auf dem Alexanderplatz, sondern sechs Jahre später u.a.
auch in der Aktion Mütter, versteckt eure Söhne,
die Käthe Reichel gemeinsam mit Heiner Müller aus Solidarität
für die tschetschenischen Soldatenmütter initiierte.
Ihre Alfred-Kerr-Preisträgerin hatte die selbst ernannte
Berufsquerulantin ein Jahr zuvor in Karin Beiers Shakespeare-Inszenierung
Romeo und Julia gefunden: Die Jurorin Käthe Reichel
wählte Caroline Ebner für die Darstellung der weiblichen
Titelrolle.
|
|