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Es zeugt von kulturpolitischer Sensibilität der Stifter,
das nach der Etablierung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises mit
einem grandiosen Juroren-Paar des westdeutschen Theaters zwei
Ikonen der Ost-Berliner Bühnenlandschaft für das Ehrenamt
gewählt wurden. Den Anfang machte 1993 mit Albert Hetterle
ein Mann, dessen politische Geradlinigkeit durch einen exemplarischen
Lebenslauf begründet und beglaubigt wird. Geboren am 31.
Oktober 1918 in Odessa, ließ er sich am Kollektivisten-Theater
seiner Heimatstadt als Eleve ausbilden und wurde 1941 nach Deutschland
evakuiert. Sein beruflicher Neuanfang glückte ihm 1945 in
Sondershausen, wo er vier Jahre engagiert war, ehe er über
Stationen in Greifswald, Altenburg, Erfurt und Halle 1955 an das
Berliner Maxim-Gorki-Theater kam. Diesem Haus und dessen Namensgeber
blieb Albert Hetterle fortan lebenslang verbunden:
Als Schauspieler in Die Letzten, Feinde,
Jegor Bulytschow und die Anderen oder in Barbaren
unter der Regie des Gründungs-Intendanten Maxim Vallentin.
Als Regisseur und Darsteller in Nachtasyl und Wassa
Shelesowna. Als Intendant von 1968 bis 1994. Und schließlich
als Ehrenmitglied des Ensembles bis in die Gegenwart. Dass das
Maxim-Gorki-Theater unter seiner Leitung zwar weiterhin der Tradition
der russischen und sowjetischen Dramatik verpflichtet blieb, aber
in stetiger Folge auch deutsche Klassiker produzierte und eigenwillige
Regisseure wie Thomas Langhoff oder Rolf Winkelgrund förderte,
ist ein unstrittiger Verdienst dieser fast drei Jahrzehnte währenden
Ära.
In den 70er und 80er Jahren entdeckte und präsentierte
Albert Hetterle zudem kritische Gegenwarts-Dramatik aus der Sowjetunion,
die in ihrem kritischen Potenzial die Mehrheit der DDR-Autoren
weit übertrafen. So wurden neben Alexander Gelmans Protokoll
einer Sitzung, Rückkopplung, Allein
mit allen und Wir, die Endesunterzeichnenden
unter seiner Regie zu viel diskutierten Höhepunkten des Berliner
Repertoires. Dass er schließlich zu Wendezeiten die Rolle
des Wilhelm Höchst in Volker Brauns Tschechow-Paraphrase
Die Übergangsgesellschaft übernahm, war
auch als Schutz der subversiven Zustandsbeschreibung durch die
Autorität des Intendanten zu verstehen.
Nach dem Fall der Mauer rettete der erfahrene Prinzipal
sein Haus und das Ensemble über die Krise, die das konfliktreiche
Zusammenwachsen von Ost- und Westberliner Bühnen mit sich
gebracht hatte und öffnete das Maxim-Gorki-Theater
zugleich für jüngere Autoren und Regisseure. Auf der
Suche nach einem Alfred-Kerr-Preisträger aber wurde er ein
Jahr vor seinem Abschied in den Ruhestand bei einem Nachbarn fündig,
dessen Karriere er zu DDR-Zeiten maßgeblich gefördert
hatte: Daniel Morgenroths Rolle des Sigismund in Hugo von Hofmannsthals
Der Turm war am Deutschen Theater Berlin vom Intendanten
Thomas Langhoff inszeniert worden, der seine ersten Triumphe unter
Hetterles Intendanz gefeiert hatte.
Auch im hohen Alter ist Albert Hetterle ein kindlich Staunender, ein Neugieriger, ein Listiger geblieben, der Bitteres in Humor zu kleiden - und aufzuheben vermochte. Am 17. Dezember 2006 in Berlin gestorben, besteht sein Lebenswerk nicht zuletzt darin, viele Schauspieler und Regisseure auf den Weg gebracht zu haben. Ohne Eitelkeit. Mit dieser Haltung schrieb er Theatergeschichte.
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