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Martin Wuttke, der Alfred-Kerr-Juror des Jahres 2006, zählt
zu jenen Künstlern, die in der öffentlichen Wahrnehmung
gern mit einer Paraderolle identifiziert werden obwohl
gerade er ein Beispiel für Vielseitigkeit und die Gabe der
Verwandlung bietet.
Doch wenngleich der 1962 in Gelsenkirchen geborene und am Figurentheater-Colleg
Bochum sowie an der Westfälischen Schauspielschule ausgebildete
Schauspieler mit extrem unterschiedlichen Regisseuren wie Robert
Wilson und Einar Schleef,
Kurt Hübner und vor allem Frank Castorf gearbeitet hat, wird
sein Name bis heute häufig mit Brechts Arturo Ui
gleichgesetzt.
In dieser letzten Inszenierung von Heiner Müller war Wuttke
am Berliner Ensemble der machthungrig hechelnde Aufsteiger, der
in seiner Pose als Fleisch gewordenes Hakenkreuz eine Theater-Ikone
des 20. Jahrhunderts kreierte. Dass er diese Rolle auch nach Müllers
Tod weltweit spielte und als Schauspieler des Jahres
in Krisenzeiten zum prominentesten Anwalt der Bühne wurde,
befähigte Wuttke zudem, das Berliner Ensemble als Intendant
über das schwierige Jahr 1996 zu retten. In derselben Saison
wurde der Künstler mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring geehrt.
Begonnen freilich hatte Martin Wuttkes Karriere zwölf
Jahre zuvor beim Schauspiel in Frankfurt am Main, wo sich der
junge Mime Hauptrollen wie Hamlet und Leonce anverwandelte und
in Inszenierungen von Einar Schleef prägende Erfahrungen
sammelte. Über Berlin und Stuttgart führte sein Weg
Anfang der 90er Jahre an das Hamburger Thalia-Theater, wo er 1992
mit dem
Boy-Gobert-Preis geehrt wurde vor allem für seine
Darstellung des Kostja in Tschechows Die Möwe.
Wenig später spielte er gemeinsam mit Marianne Hoppe in Quartett
erstmals unter Heiner Müllers Regie, Schleefs Wessis
in Weimar war ein weiterer Meilenstein seiner Karriere am
BE. Dass er dem Haus auch nach dem kulturpolitisch begründeten
Abschied vom Intendanten-Amt verbunden blieb und Stücke wie
Monsieur Verdoux oder Artaud erinnert sich an
Hitler und das Romanische Café aus der Taufe hob,
darf als weiterer Beleg für Wuttkes künstlerische Integrität
gelten.
Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends verlagerte Martin
Wuttke sein kreatives Zentrum in die Berliner Volksbühne,
wo er in zahlreichen Inszenierungen von Frank Castorf tragende
Rollen übernahm. Zudem war der Schauspieler, der 1996 bereits
die Uraufführung von Heiner Müllers Germania 3
zur Premiere geführt hatte hatte, mehrfach als Regisseur
tätig. So inszenierte er in Neuhardenberg Die Perser
und Solaris. Auch auf der Leinwand ist der vielfach
ausgezeichnete und von Kritikern als Elementarereignis
gefeierte Künstler immer wieder zu erleben: Bereits 1991
in Rebecca Horns Busters Bedroom, später
u. a. in Die 120 Tage von Bottrop (1997) und in Die
Stille nach dem Schuss (2000).
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