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Mit Bernhard Minetti wurde 1991 einer der Überväter
des bundesdeutschen Theaters zum ersten Juror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises
berufen. Am 26. Januar 1905 in Kiel als Sohn eines Architekten
geboren, hatte Minetti 1925 bis 1927 die Staatliche Schauspielschule
von Leopold Jessner in Berlin besucht, um danach am Reussischen
Theater Gera zu debütieren.
Zum Star wurde er ab 1928 in Darmstadt, wo er sich in Rollen wie
Hamlet und Don Carlos das große klassische Repertoire erschloss.
Parallel zu seinem Engagement am Preußischen Staatstheater
in Berlin, wo er bis zu dessen Schließung 1944 Parade-Partien
wie Faust, Robespierre, Wallenstein und Franz Moor spielte, arbeitete
Bernhard Minetti ab 1930 auch für den Film unter anderem
in Berlin-Alexanderplatz und in Der Mörder
Dmitri Karamasow.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging Bernhard Minetti
zunächst nach Kiel, wo er auch als Schauspieldirektor arbeitete.
Einem zweijährigen Engagement am Deutschen Schauspielhaus
in Hamburg folgte eine Zeit als freischaffender Künstler,
ab 1952 ging der gefragte Künstler ein vierjähriges
Engagement in Frankfurt am Main ein. Nach einem Intermezzo in
Düsseldorf arbeitete er wieder frei und konzentrierte sich
dabei zunehmend auf die Westberliner Bühnen.
Während Bernhard Minetti den Kritikern jener Zeit vor allem
als Ideal-Interpret für die Theater-Texte von Beckett, Genet,
Dürrenmatt, Strindberg und Pinter galt, begann seine staunenswerte
Alters-Karriere in den 70er Jahren mit Stücken von Thomas
Bernhard. Nach "Jagdgesellschaft" und "Die Macht
der Gewohnheit" widmete der Autor seinem bevorzugten Darsteller
1976 das Solo "Minetti Ein Porträt des Künstlers
als alter Mann". In den 80er Jahren spielte Minetti bei Regisseuren
wie Claus Peymann ("Der Weltverbesserer", "Der
Schein trügt"), Peter Zadek ("Jeder stirbt für
sich allein"), Klaus Michael Grüber ("Faust",
"König Lear") und Hans Neuenfels ("Der Balkon").
Eine schwere Zäsur bedeutete für den Jahrhundert-Schauspieler
1993 die Schließung des Berliner Schillertheaters, wo er
zuletzt als Puck im "Sommernachtstraum" gefeiert worden
war. Seine Klage gegen die mit dieser kulturpolitischen Bankrott-Erklärung
verbundene Kündigung wurde vom Bühnenschiedsgericht
Berlin zurückgewiesen, später entschuldigte sich die
Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, Hanna-Renate
Laurien, öffentlich für den "Mangel an menschlicher
Kultur".
Im Alter von 90 Jahren unterschrieb Bernhard Minetti, der
in der Kritiker-Umfrage von Theater heute siebenmal
zum Schauspieler des Jahres" gewählt wurde, noch
einmal einen Vertrag am Berliner Ensemble, wo er bald darauf in
Heiner Müllers letzter Inszenierung Der aufhaltsame
Aufstieg des Arturo Ui als Schauspiellehrer eine der Sternstunden
der Theaterkunst kreierte.
Kurz vor seinem Tod war er am selben Ort in Robert Wilsons Der
Ozeanflug zu sehen. Bernhard Minetti, der in der Kritik
als biologisch-künstlerisches Wunder gefeiert
worden war und dessen reife und vollendete Menschendarstellung
Generationen von Künstlern inspirierte, starb am 12. Oktober
1998 in Berlin.
Als Juror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises wählte
Bernhard Minetti 1991 zwei Jahre nach dem Fall der Mauer
die junge ostdeutsche Schauspielerin Steffi Kühnert
für ihre Rolle in Leander Haußmanns Nora-Inszenierung
am Deutschen Nationaltheater Weimar.
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